27.05.1942 – 29.10.2020
Am 29. Oktober 2020 ist unser Freund, Mentor und politischer Weggefährte Prof. Dr. Peter Grottian verstorben – ein unermesslicher Verlust für die politische Landschaft und die Zivilgesellschaft. Movens all seines Wirkens war die unerschütterliche Überzeugung, dass Wissenschaft und radikale demokratische Praxis untrennbar zusammengehören. Seine analytische Schärfe öffnete den Blick, während sein unermüdlicher Tatendrang darauf zielte, gesellschaftliche Missstände nicht nur zu beschreiben, sondern sie direkt, auch auf der Straße, zu bekämpfen.
Als Professor für empirische Staats- und Verwaltungsforschung am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin bewegte er sich jahrzehntelang im Spannungsfeld zwischen akademischer Lehre und gesellschaftlicher Verantwortung. Sein Engagement ging weit über den Hörsaal hinaus. Er verstand soziale Gerechtigkeit, Arbeit und Demokratie als Grundrechte, die aktiv erstritten werden müssen. Folgerichtig wandte er sich Initiativen zu, die das Gemeinwohl radikal in den Mittelpunkt stellten, und lebte diese Solidarität auch ganz praktisch: So verzichtete er bereits 1985 freiwillig auf ein Drittel seiner Professorenstelle, um die Einrichtung einer Professur für Genderforschung zu ermöglichen.
Sein Blick war stets auf die Mechanismen der Macht gerichtet. Ob im Kampf gegen Hartz-IV, gegen die Automobilindustrie, den Waffenhandel, Glyphosat oder die Übermacht der Banken – unter Berufung auf die Demonstrations- und Meinungsfreiheit war Peter oft Initiator und Motor des gebotenen Widerstands. Er war auch im Komitee für Grundrechte und Demokratie, im wissenschaftlichen Beirat von Attac sowie in der von ihm mitbegründeten Initiative Berliner Bankenskandal aktiv. Unvergessen ist sein kreativer Protest mit dem Berliner Wassertisch zur Abgeordnetenhauswahl 2011, bei dem er die Privatisierungspolitik der ehemaligen Finanzsenatorin Fugmann-Heesing mit der Verleihung des Titels „MissWirtschaft“ öffentlich anprangerte. Als leidenschaftlicher Verfechter des zivilen Ungehorsams forderte er den Mut zur Unzufriedenheit vehement von seiner Umwelt ein. Er litt spürbar unter der Passivität einer oft zu „braven“ Zivilgesellschaft und stellte bis zuletzt die unbequeme Frage, wo die Verbände, die Medien und vor allem die junge Generation bleiben, um der globalen „Niemandsherrschaft“ des Kapitals entgegenzutreten.
In seinen letzten Jahren konzentrierten sich seine Aktivitäten auf die fundamentale Bedrohung unserer Demokratie durch den entfesselten Finanzkapitalismus. Er war Initiator und treibende Kraft der Initiative BlackRock-Tribunal. Mit wunderbarer „Altersradikalität“ trieb er das erste BlackRock-Tribunal im September 2020 in Berlin voran, um die zerstörerische Macht globaler Vermögensverwalter auf die Bereiche Klima, Miete, Rüstung und Ökonomie offenzulegen. Das Tribunal wurde zu seinem politischen Vermächtnis, da er nur wenige Wochen nach der Veranstaltung verstarb. Es war ihm ein tiefes Anliegen, Formen der politischen Organisation von unten zu finden, die die globalen Zusammenhänge analysieren und Wege aus den Verheerungen eines globalen Kapitalismus aufzeigen. Peter mahnte uns eindringlich, Radikalität nicht nur am Küchentisch zu besprechen, sondern sie mutig in die Praxis umzusetzen.
Wir denken an ihn in tiefer Dankbarkeit und stehen nun ohne unseren unermüdlichen Antreiber in der Verantwortung, seinen streitbaren Geist und seinen Mut in unserer Arbeit weitertragen zu müssen.
